Die Inbetriebnahme ist nicht das Ende der Geschichte

Über 180 Kilometer, vier Abschnitte bzw. große Etappen, mehr als ein Jahrzehnt Projektarbeit. Während die Tour de France in diesem Juli ihre Bergetappen abarbeitet, ist in Ostbayern eine andere Rundfahrt ins Ziel gekommen: Der Ostbayernring ist vollständig in Betrieb. Eva Reinhard hat das Projekt in wechselnden Rollen begleitet, vom Qualitätsmanagement bis zur Gesamtprojektleitung, die sie seit Mitte 2026 innehat.

Liebe Eva, was macht ein Projekt dieser Größenordnung für dich aus? 

Vor allem, die vielen Stakeholder und Schnittstellen zusammenzubringen und am Ende die Fäden zusammenzuhalten. Wir spielen viele Varianten in der Planung durch und werfen genauso viele wieder über den Haufen, weil die Dinge sich ändern. Das stresst mich nicht, da entwickle ich eher Ehrgeiz. Gerade diese Dynamik spornt mich an. Und wenn sich am Ende alles fügt, ist die Freude umso größer. 

Das Projekt läuft seit über einem Jahrzehnt. Ist die Mannschaft zusammengeblieben? 

In dreizehn Jahren bleibt natürlich nicht alles gleich. Aber im Großen und Ganzen sind sehr viele Leute sehr lange für den Ostbayernring tätig gewesen und genau diese Kontinuität ist einer der großen Erfolgsfaktoren des Projekts. Dazu gehört auch, dass wir den internen Austausch und die persönliche Begegnung bewusst organisieren: Regemäßig bringen wir Mitarbeitende und Partnerunternehmen zusammen, zum Beispiel im Rahmen von „Lessons Learned Sessions“. Denn wenn man aus einem persönlichen Aufeinandertreffen weiß, wie der andere tickt, ist die Zusammenarbeit im Alltag deutlich einfacher. 

Was war für dich die “Königsetappe” im Projekt? 

Der Ostbayernring war eines der ersten Projekte dieser Dimension in Bayern: Die Planungen über zwei Regierungsbezirke hinweg zu koordinieren und nach vielen Jahren tatsächlich die notwendigen Genehmigungen zu erreichen, war eine enorme Herausforderung. Dabei haben wir für alle nachfolgenden Projekte in Bayern ein Stück weit den Weg geebnet und nebenbei Standards gesetzt. 

Technisch anspruchsvoll war vor allem der Umbau von Umspannwerken im Bestand, teilweise auf sehr wenig Platz. Ein weiterer Faktor: Entlang der gesamten Strecke werden 110-kV-Leitungen des zuständigen Verteilnetzbetreibers mitgeführt, diese Bündelung der Spannungsebenen auf den Masten des Ostbayernrings ist natürlich wichtig für die Region, technisch aber alles anderes als trivial. Von außen sieht man das gar nicht, was elektrotechnisch dahintersteckt, ist allerdings hoch anspruchsvoll. 

Und das alles, während die Bestandsleitung kontinuierlich in Betrieb war. Der Stromfluss musste jederzeit gewährleistet bleiben, um die Versorgung der Region über den alten Ostbayernring weiterhin sicherzustellen. Deshalb waren über die gesamte Strecke hinweg viele Provisorien und Baueinsatzkabel im Einsatz. 

Gibt es einen Moment in der Kommunikation, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist? 

Generell haben wir früh angefangen, das direkte Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zu suchen. Insgesamt gab es rund 200 Informationsveranstaltungen über die Projektlaufzeit hinweg! Daraus sind über die Zeit hinweg belastbare Beziehungen gewachsen – die uns auch im Betrieb des neuen Ostbayernrings weiterhelfen. Nach der Inbetriebnahme sind wir nämlich nicht weg, sondern betreiben unsere Infrastruktur über Jahrzehnte hinweg und stehen dabei weiterhin im Dialog mit den Menschen in der Region 

Was würdest du einem anderen Energiewende-Projekt mitgeben? 

Wir haben sehr früh und transparent kommuniziert, auch über die gesamte Genehmigungs- und Bauphase hinweg sind wir am Ball geblieben – kontinuierlich, offen und auf Augenhöhe insbesondere dann, wenn es schwierig wurde. Wir haben die Menschen vor Ort immer ernst genommen und deren Belange im Rahmen unserer Möglichkeiten berücksichtigt.

Im Radsport heißt es: nach der Tour ist vor der Tour. Wie geht es denn beim Ostbayernring weiter? 

Die Inbetriebnahme ist ein wichtiger Meilenstein, aber noch nicht das Ende der Geschichte. Vor uns liegen unter anderem der Rückbau, Arbeiten an den anliegenden 110-kV-Leitungen, die Umsetzung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sowie der kaufmännische Abschluss. Wir können also kurz durchatmen und uns über den Erfolg freuen. Danach geht die Arbeit weiter. Genauso wie viele andere bleibe ich also erstmal im Projekt.

©Foto: Karolina Parot

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Portrait Hannah Fischer

„Die öffentliche Inbetriebnahme des Ostbayernrings markiert den erfolgreichen Abschluss eines Mammutprojekts - und spiegelt, wie wertvoll klare und transparente Kommunikation mit allen Beteiligten vom Anfang bis zum Schluss ist.“ 


Hannah Fischer

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